Autor: texthandwerk

  • Das Dunkle ist näher

    Das Dunkle ist näher

    Die Welt ist anstrengend, empörend und düster. Sie ist überfüllt mit Menschen. Und Hunden. Und Einhörner, die glauben Schmetterlinge zu sein. Das macht die Welt zusätzlich kompliziert. Um ein wenig Zauber, den man in jeden Anfang streut, sollte man sich dennoch bemühen, damit zumindest kein Hesse-Zitat daraus wird.

    Ich mag Antifaschismus, Werbung, Gelassenheit, Birken und Tomaten. Feminismus halte ich allen Unkenrufen zum Trotz für unwiderruflich wichtig, erst recht wenn all die Incels und Tech-Bros dieser Welt glauben, Kriege führen zu müssen. Außerdem glaube ich nicht mehr an das Gute im Menschen, was mich zu einem zynischen Zyklopen machen lässt. Ich mag Kunst. Auch die mit Rosen und Klippen.

    Ich beginne Sätze gerne mit „Ich“. Ich rebelliere nicht gegen die Zustände, versuche aber, ihnen durch Realitätsentzug und Tagebuch schreiben zu entgehen. Ich mag Blumen. Auch die blauen.

    Nichts liegt mir ferner als „Ich lebe und liebe Text“. Ich bin auch keine Buchhebamme. Ich möchte weder Buchstaben oder Kleingedrucktes, nicht mal große Texte verkaufen.

  • Spielplatz des Grauens

    Spielplatz des Grauens

    Es ist Samstagvormittag. Ich klopfe mir den Sand aus meinen rotgeränderten Augen, direkt in die Sandgrube, die sich vor mir metaphysikalisch öffnet. Abgründe tun sich auf. Meine Tochter schreit, ich schreie heute mal nicht, denn jeder noch so kleine Laut drängt sich ganz laut pochend zwischen meine Spinalnerven und erinnert mich daran: nicht mehr zu überlegen, ob es okay wäre, auf den allerletzten Wodka-Tonic zu verzichten, sondern es einfach zu tun, zu verzichten. Basta.

    Jetzt stehe ich hier und habe entsetzlichen Durst, nippe aus der NUK-Trinkflasche, deren Inhalt bestimmt ekeligen Plastikmüll in meinen Körper pumpt. Meine Tochter bewirft unterdessen ein anderes Kind mit ordentlich viel Sand und brüllt ihr wütendes „Du nicht!“. Ich tue so als gehöre dieses unflätige Kind nicht zu mir und lasse mich kurz von einer leeren Flasche Wodka ablenken, die auf einem der kleinen Picknick-Tischchen auf dem Spielplatz steht. Ich bin irritiert, ich war doch gestern Nacht gar nicht hier, wer tut denn sowas und warum wird dieser wunderschöne und idyllische Spielplatz nicht vor saufenden Adoleszenzfatzken geschützt.

    In diesem Augenblick stürmen mehrere fröhliche Eltern auf den Spielplatz und plaudern über dies und das und über Brotbackautomaten und musikalische Frühförderung. Warum muss das denn immer so sein? Kann man auf einem Spielplatz nicht einmal, nicht ein einiges Mal seine Ruhe haben?, schimpfe ich innerlich und lächle freundlich die Vollspackos in ihren Jack-Wolfskin-Nerzen an, weil es ja jederzeit sein könnte, vielleicht in drei Minuten, dass ich auf ihre Prinzessinen- respektive Hello Kitty-Pflasterstreifen angewiesen bin, weil sich mein Kind – andere Kinder tun so etwas nicht – für den einzigen rostigen Nagel auf dem ganzen müden Spielplatz interessiert.